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Spaß- und Erlebnisbäder Wasserwelten in Deutschland
Unter der 25 Meter hohen Kuppel des "Galaxy" in Erding bei München gibt es genau 16 Möglichkeiten, sich den Adrenalin- Schub zu holen. Die Wasserrutschen haben sanfte Kurven oder steile Abfahrten. Sie wirbeln die Rutschenden durch einen Trichter oder schießen sie im Reifen bergauf. Auf der "Kamikaze"-Rutsche und der Wasserschanze verwischen gar die Grenzen zwischen Abfahrt und freiem Fall. Und so verliert man nach einer Stunde Drehung, Schräglage und Rückwärtsrutschen leicht das Zeit- und Raumgefühl. Doch gleich nebenan ist die Entspannung inklusive: In der Thermenlandschaft massieren Unterwasserduschen und Schwalldüsen den gestressten Körper. Ein Strömungskanal fließt sanft um die Kurven, im Whirlpool blubbert Heilwasser, und in den Sole-Becken ruht man im Schutz einer Grotte. Ein paar Schritte weiter wird es richtig heiß. In 26 Schwitzkammern sprudeln wahlweise warme Geysire, virtuelle Planeten kreisen über eine Sternenkuppel, und es gibt einen eigenen Aufguss nur für Männer - mit Weizenbier. Das Bade-Paradies in Erding hat mit einem klassischen Hallenbad etwa so viel gemein wie die Karibik mit dem Bodensee. Den Sommer vorgaukeln So lockt das "Alpamare" in Bad Tölz mit einer Indoor-Surfanlage zum Wellenreiten, im "Calypso" Saarbrücken erwartet den Besucher eine künstliche Unterwasserwelt zum Schnorcheln. Im "Fildorado" Filderstadt gaukelt die durchsichtige Röhre eine Rutschpartie über dem Abgrund vor, die Toskana Therme bei Weimar lädt ein zu Unterwasserkonzerten. Und im "Tropical Islands" südlich von Berlin wird die Nacht zum Tag gemacht. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, sind dort die Südsee und der Regenwald geöffnet. Wer im Paradies müde wird, legt sich zum Schlafen einfach in ein Zelt am Strand. Das Erlebnis hat seinen Preis. Für vier Stunden zahlt eine Familie mit zwei Kindern rund 30 Euro. In den großen Wasserwelten wie der "Therme Erding" mit dem "Galaxy"-Rutschenparadies und "Tropical Islands" kostet das Vergnügen mehr als das Doppelte. Doch die Ausgabe lohnt sich offenbar, ebenso wie ein durchschnittlicher Anfahrtsweg von 50 Kilometern. Am Wochenende muss man warten An solchen Tagen verbringt man seine Zeit besser in einer klassischen Therme, wie die "Rumliege"-Bäder im Normaldeutsch heißen. Rutschen und anderer schneller Spaß sind dort verpönt, dafür schwemmt man in heißen Thermal- oder Solequellen den Alltagsstress aus. In Bad Aibling beispielsweise, etwa 60 Kilometer südöstlich von München, geht es um die totale Entschleunigung. Beim Bau der Therme hat das renommierte Architekturbüro Behnisch Architekten Hand angelegt und das Wasser unter verschiedenen runden Kuppeln verteilt, die wie Riesenblasen aus dem Boden ragen. Das Wohlfühlerlebnis beginnt dort an der Kasse, wo ätherische Düfte die Luft bestäuben. Unter den Kuppeln badet man in verschiedenen Bassins, in denen sphärische Klänge und sanfte Lichtinstallationen ein Fest der Sinne versprechen. Unter der großen Erholungskuppel allerdings findet sich kein Tropfen Wasser. Dafür flimmert der Ozean im Video über die Wand, und im Halbdunkel rekeln sich Menschen auf riesigen Kissen. "Wir wollten unter jeder Kuppel eine ganz eigene Atmosphäre schaffen", sagt Stefan Behnisch, dessen Büro auch das Stralsunder Ozeaneum entworfen hat. Diese modernen Kabinette sollen das neue Gesundheitsbewusstsein der Deutschen befriedigen: "Wellness im Wasser wird immer wichtiger."
Auch das macht den Erfolg der Freizeitbäder aus: Weil einem das Wasser nur bis zur Brust steht, ist es dort gar nicht mehr nötig, schwimmen zu können. Jansen findet diese Entwicklung bedenklich. "Schwimmen zu können war mal ein Kulturgut", sagt er nachdenklich. "Die goldenen Zeiten sind vorbei." Die goldenen Zeiten, das waren die 1960er und 70er Jahre, als in Deutschland im großen Stil Hallenbäder erbaut wurden. "Gesundheit, Spiel und Erholung" sollten gefördert werden, und der "Goldene Plan" ging auf: Ende der 70er Jahre konnten die meisten Bundesbürger schwimmen. Doch viele der Hallenbäder mit Fußdesinfektionsduschen, Dreimeterturm und Sammelumkleiden haben den Sprung ins 21. Jahrhundert nicht geschafft. Die nach 30 Jahren anstehenden Renovierungen sind teuer, und so verschwindet das "Bad um die Ecke" allmählich aus dem Stadtbild. "Dabei muss man den Leuten nur einen Raum geben, dann bewegen sie sich ganz von selbst", sagt Henning Klische. Der 43-Jährige kümmert sich um das Marketing der Alster- Schwimmhalle, des letzten Hallenbads in Hamburg mit einem 50-Meter-Becken. Die Hamburger haben den Bau in den 70er Jahren ehrfurchtsvoll "Schwimm-Oper" getauft. Damals fanden hier internationale Wettkämpfe statt. Heute kämpft Klische vor allem gegen die Konkurrenz aus dem Spaßbereich. Mit den neuen Badewelten kann die Alster-Schwimmhalle nicht mehr mithalten, doch Klische hat ein neues Zielpublikum entdeckt: Wassersportler. Sport im Wasser Es ist nicht so, dass man in den Erlebnisbädern keinen Sport betreiben kann. Die meisten der neuen Wasserwelten verfügen neben Rutschen und Schwall duschen auch über ein Schwimmbecken - und zur vollen Stunde finden vielerorts Aqua-Aerobic-Kurse statt. Nur: Der Sport bleibt Nebensache. Wer ein Erlebnisbad besucht, will sich nicht selbst bewegen, sondern sich vom Wasser bewegen lassen. "Aber Rutschen ist doch auch ein Sport", protestiert Rolf Allerdissen. 700 Höhenmeter, hat er ausgerechnet, legt er bei jedem Schwimmbadbesuch zurück. Allerdissen, 42, ist Vorsitzender des Deutschen Rennrutsch-Verbandes und hat mit seiner Mannschaft 2007 einem Weltrekord im 24-Stunden-Dauerrutschen aufgestellt. Die 700 Höhenmeter erläuft er sich beim Aufstieg zu den Rutschen. Er kennt sehr viele Schwimmbäder in Deutschland, und wenn man ihn nach seinem Lieblings-Hallenbad fragt, dann lacht er freundlich und sagt: "Hallenbäder besuche ich schon lang nicht mehr." Und dann schwärmt er vom "Galaxy" in Erding, vom "Tropicana" in Stadthagen und vom "Alpamare" in Bad Tölz. "Nach so vielen Erlebnissen im und um das Wasser findet man jedes normale Hallenbad unerträglich öde." Die Badehose bremst "So eine wollen wir auch", sagt Marcus Maier, 34, Marketingmanager der Therme Erding. Ständig ist er auf der Suche nach neuen Attraktionen. Im Rutschen-Universum sollen demnächst Action-Videos die Wartezeiten verkürzen. Im kommenden Jahr will Maier endlich die 17. Röhre eröffnen und ein kreisrundes Wellenbad mit 30 Meter Durchmesser. Für 2010 plant er einen Kletterfelsen. Den muss man dann erklimmen, bevor man sich von den Klippen ins Wasser stürzt. "Wie in Acapulco", schwärmt der Manager. Einige Gäste hätten schon nach einem Hotel neben dem Badeparadies verlangt. Wegen des Urlaubsgefühls. Und weil das ganze Programm an einem Tag kaum mehr zu schaffen sei. |
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